Ab auf die Bühne: Chemnitz Kulturhauptstadt Europas 2025

Chemnitz befindet sich im Umbruch und ist auf der Suche nach neuen kulturellen Perspektiven in der Stadtentwicklung. Lisa und Octavio des Bordsteinlobby e.V. geben einen Einblick in das Geschehen vor Ort und erzählen, warum es sich lohnt sich einzumischen.  

Auf einmal war es soweit: aus einem standardisierten Briefumschlag wurde ein leicht unförmiger Zettel mit fettgedruckten Großbuchstaben gezogen, die Aufschrift “Chemnitz”. Direkt im Anschluss Jubel, Unglauben, Hoffnung, Stress, ein ganzes Wimmelbild an Gefühlen und Gedanken wie wohl die nächsten Jahre und damit die Entwicklung der Stadt Chemnitz verlaufen werden, nachdem sie per Videokonferenz 2020 mitten im Corona Lockdown zur Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2025 gekürt wurde.  

Aber worüber reden wir eigentlich, wenn wir von Chemnitz sprechen? 

Chemnitz ist die drittgrößte Stadt in Sachsen und gleichzeitig starke Konkurrentin, wenn es um den Titel der europäischen Stadt mit der ältesten Bevölkerung geht. Fast 250.000 Einwohner:innen wohnen mit 5,85 Euro pro Quadratmeter zu den bundesweit günstigsten Großstadtmieten in einer Gebäudecollage aus Gründerzeit, sozialistischer Utopie und Nachwende-Turbokapitalismus. Im Zentrum der Stadt steht ein über 7 Meter hoher und 40 Tonnen schwerer Marx Kopf, der es 2018 in die globale Berichterstattung geschafft hat, nachdem ein kollektiver Schulterschluss von Neonazis, Neurechten, Hooligans und implizit rechter Stadtgesellschaft für einen Moment in Erinnerung rief, welche unbearbeiteten Konflikte und Kontinuitäten in der Stadt vorhanden sind, die einst auch dem NSU und vielen weiteren extrem Rechten und rechtsterroristischen Gruppierungen ein Zuhause bot und bis heute bietet. Nach außen tritt Chemnitz als zukunftszugewandter technologieoffener Wirtschaftsstandort auf und lobt sich für seine Technische Universität mit überdurchschnittlich hohem Anteil internationaler Studierender. Der Oberbürgermeister wird von der SPD gestellt, fast jede:r ist in einem Verein oder Kleingarten organisiert und die Herzlichkeit versteckt sich manchmal geschickt hinter Spitzengardinen. Ein wirkliches Szeneviertel gibt es nicht, dafür ein über die gesamte Stadt verstreutes Netz an kleinen, großen, professionellen und ehrenamtlichen Orten und Gruppen die teils kollektiv, teils ganz für sich an einer mitgestaltbaren und lebendigen Stadt arbeiten. 

Die Bordsteinlobby 

Auf diese schrullig spannende Stadt trafen wir, als wir alle aus unterschiedlichen Orten in den letzten Jahren nach Chemnitz zogen und waren on fire! Ein Ort mit schier endlosem Potenzial, Platz für jede Menge Ideen und der Option, noch nicht getroffene Entscheidungen und Richtungen in der Stadtentwicklung angehen zu können. Hier können Ideen scheitern und einen nächsten Versuch bekommen, hier werden Vorschläge oft mit Begeisterung aufgenommen und Engagement öffnet schneller Türen als man denkt. 
Mit der Motivation, selbst tiefer in die Stadt, ihre Erzählungen und solidarischen Netzwerke einzutauchen und die gesammelten Erfahrungen über Veranstaltungsformate einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gründeten wir unser Kollektiv: die Bordsteinlobby. Seit inzwischen fünf Jahren sind wir mit einer Vielzahl an Aktionen, von stadtteilübergreifenden Festivals über kritische Rundgänge bis hin zur Putzparade im Stadtgefüge unterwegs. Wir legen dabei großen Wert auf kooperative Projekte, die fantasievoll, unkonventionell, kritisch und zukunftsorientiert mit der Stadt und ihren Diskursen arbeiten. Kurz gesagt: Wir möchten Chemnitz als gestaltbaren und veränderbaren Raum öffnen. 

Zurück zum Thema 

Chemnitz ist also zur europäischen Kulturhauptstadt für das Jahr 2025 gewählt worden. Im ersten Moment war wohl niemandem ganz bewusst, was es genau bedeuten würde. So wurde das Vorhaben, befeuert durch eine “alles wird mehr und besser” Kampagne der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft, zu einer umfassenden Projektionsfläche für Stadtgesellschaft, Politik, Verwaltung, Aktive aus Sub- und Soziokultur, Wirtschaft und Co. Jede:r hatte ein eigenes Bild und Vorstellungen von dem, was jetzt am besten passieren sollte und ab wann wer und was Kulturhauptstadt zu sein hat, warum es sich abzugrenzen lohnt oder warum genau jetzt Mitwirkung gefragt ist.   
In diesem Gewusel und mit dem Näherrücken des großen Ereignisses wird Stück für Stück klarer, welche Chancen, Risiken und Widersprüche hinter dem Titel und den einsetzenden Entwicklungen stecken.  

Die Basics 

In einem mehrjährigen neoliberal angehauchten und auf Kultur gemünzten Städtewettbewerb, hat sich Chemnitz gegen seine Mitbewerberinnen wie Dresden oder Hannover durchgesetzt und ist die deutsche Titelträgerin im Jahr 2025 neben der slowenischen Stadt Nova Gorica. Die Auswahl der europäischen Kulturhauptstädte hat sich seit Beginn des Programms 1985 gewandelt. Waren es zu Beginn der Titelreihe noch Städte wie Athen oder Paris, hat sich der Fokus mittlerweile auf Städte, die noch Entwicklungspotential bergen, verschoben. Die Kulturhauptstadt ist somit neben dem ideellen Aspekt vor allem ein Motor für regionale kulturgetragene Entwicklung geworden. Grundlage für den Gewinn von Chemnitz ist das Bewerbungsbuch »BidBook«, das den Programmkern für das Kulturhauptstadtjahr enthält. Über 70 Veranstaltungsstränge in vier Programmlinien, gesellschaftliche Entwicklungsansprüche und Perspektiven auf die Zeit danach sind festgehalten. Generell wurde dem lokalen Netz aus Akteur:innen der Sub-, Soziokultur und freien Szene eine tragende Rolle in Verbindung mit europäischen Partner:innen zugeschrieben, als die Repräsentatent:innen einer Stadt der »Macher:innen«. Manche Akteur:innen haben sich verdutzt die Augen gerieben, als sie im Nachhinein mitbekamen, welche Formate durch sie oder mit ihnen umgesetzt werden sollen, andere haben aktiv an der Entstehung mitgewirkt. Auch wir fanden uns beim nachmittäglichen BidBookStöbern wieder, als Partner:innen für die Umsetzung des Vorhabens »Spaces of Generosity«, das darauf abzielt neue Begegnungsorte für größtenteils ökonomisch benachteiligte Stadtbewohner:innen zu schaffen. Ohne Rückkopplung zum Vehikel einer fremden Idee zu werden, fühlte sich für uns nach einem eher suboptimalen Ausgangpunkt für eine kooperative Programmentwicklung an. Wann und ob die Umsetzung mit wem geschehen wird, ist bis heute nicht aufgelöst. Eine kleine Leseempfehlung des Bewerbungsbuchs sei an dieser Stelle ausgesprochen. Mit der durch einen bunten Fördermittelmix von europäischen bis kommunalen Mitteln unterbauten Umsetzung des BidBook Programms, wurde die von der Stadt Chemnitz ausgegründete Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 GmbH beauftragt und breit mit Personal ausgestattet. Sie ist aus der Stadtverwaltung herausgelöst, steht jedoch in enger Rückkopplung mit dieser, ob im Aufsichtsrat, dem Strategieausschuss des Stadtrats der Stadt Chemnitz zur Kulturhauptstadt oder der festen Stabsstelle angesiedelt am Oberbürgermeisteramt.  

Verantwortungs-Pingpong 

Mit der Gründung und Inbetriebnahme der Kulturhauptstadt GmbH ab dem Jahr 2021 standen Akteur:innen unterschiedlichster Bereiche und Teile der Chemnitzer Stadtgesellschaft in den Startlöchern, um ihren Fragen, Wünschen, Bedürfnissen und Ideen Gehör zu verschaffen. Alle wollen mitmischen und wissen, welche Spielräume der Mitgestaltung es gibt. Geprägt vom Verwaltungsapparat einer Stadt, in der Mühlen oft doch länger mahlen, hofften wir nun auf schnellere Prozesse, denn 2025 schien in naher Ferne. In der Realität entstanden zwischen der Stadt Chemnitz und der Kulturhauptstadt GmbH Verantwortungsdiffusionen. Aufgaben und Zuständigkeiten wurden hin und her geschoben, je nachdem, wer wen fragte. Durch eine nicht ausreichend stringente Kommunikation und Transparenz von Seiten der Stadt und der sich aufbauenden Kulturhauptstadt GmbH waren wir wie viele andere plötzlich Teil eines Asterix und Obelix Comics auf der Suche nach Passierschein A38.

Die große Euphorie und der Antrieb, Teil der Kulturhauptstadt zu sein, verflachte und hinterließ eine konfuse Situation, die nicht selten von Enttäuschung geprägt war. Dieses Gefühl zieht sich teils bis heute durch und führt zu regelmäßigen Alltagsdiskussionen sowie Lokalberichterstattung in denen eine Positionierung pro oder contra Kulturhauptstadt oberflächlich verhandelt wird. 

Wenn der Prozess gelingen soll und eine Kommunikation auf Augenhöhe angestrebt wird, muss mehr Transparenz hinsichtlich der Zuständigkeiten der Stadt Chemnitz und der Kulturhauptstadt GmbH ermöglicht oder aber erkämpft werden. 

Eine neue Erzählung  

Der Titelgewinn und das damit einhergehende Bewerbungsbuch stellen neue Narrative und Trendbegriffe auf, als Angebot für eine neue Erzählung von Chemnitz. Sie werden vom Marketing der Stadt nach und nach etabliert und strategisch verankert. Sie suggerieren dabei eine neue Perspektive innerhalb der Stadtgesellschaft und insbesondere der Kulturszene und Stadtpolitik, welche Schwächen in Stärken umwandelt und das Bild einer goldenen Zukunft für Chemnitz verspricht. Weg vom Image der rechtslastigen Arbeiter:innenstadt hinzu: C the unseen – Chemnitz, die Stadt der Maker und der stillen Mitte, die osteuropäische Stadt in Westeuropa. Die Begriffliche Trennschärfe, wer genau nun Maker ist oder wie sich eine gesellschaftlich stille Mitte zusammensetzt, fehlt. Der Plan, wie partizipativ ein neues Stadt-, Lebens- und Demokratiegefühl erzeugt werden soll, ist noch konfus und durch überbordende Versprechungen der vergangenen Marketingstrategie im Bewerbungsprozess extrem aufgeladen. Die Vorstellung eines vergesellschafteten Profits des Titelgewinns, glich einer allgemeinen Einladung zum Kuchenbuffet. Gespannte, teils neidische Blicke wurden zwischen Kulturakteur:innen ausgetauscht in der Warteschlange zur möglichen projektbezogenen Partizipation am großen Vorhaben. Die faktische Begrenztheit der Mittel und Verantwortlichkeiten wurde von einer kollektiven Erwartungshaltung überlagert, die in der GmbH eine fast schon messianische Figur sah, welche alle Probleme löst. Sie sollte Schlaglöcher fixen, Baustellen beenden, kaputte Markisen reparieren und zur langfristigen Stärkung kleiner und großer Institutionen und Vereinen führen. Es entstand eine Gleichzeitigkeit von zielgerichteter Kritik am Prozess und einer Forderung an die Stadt Chemnitz zur kulturhauptstadtunabhänigigen Stärkung zivilgesellschaftlicher Akteur:innen. Beides muss genauso wie das Bewusstsein der eigenständigen Handlungsstärke der Aktiven und Aktivisti wieder stärker in den Fokus rücken. 

Fast beiläufig putzt sich die Stadt parallel neu heraus. Leerstand soll befüllt, Freiflächen bespielt und Chemnitz attraktiv für Investor:innen werden. Die Kulturhauptstadt als neue Erzählung einer sich entwickelnden Stadt erzielt dabei schon jetzt Erfolge. Immobilienpreise steigen, Maklertalk wird befeuert, Gebäude und Flächen werden gekauft. Wir sollten anfangen uns stärker zu organisieren und Räume langfristig sichern. 

Ab in die Praxis! 

Im Grunde könnten wir wohl mittlerweile ein ganzes Buch über den bisherigen Prozess schreiben mit Ausläufern in alle Richtungen. Von Best Practice über vermeidbare Fehler bis hin zu Forderungen und Empfehlungen an Chemnitz und seine titeltragenden Nachfolgerinnen. Fest steht, dass die angestoßenen Entwicklungen Chemnitz nachhaltig verändern werden und umso interessanter und wichtiger ist es, sich jetzt und in den Folgejahren einzumischen!  

Die kritische Begleitung des Prozesses bis Ende 2025 muss fortgesetzt werden, um konstruktiv und gemeinsam an einer Zukunftsvision dieser Stadt zu arbeiten, in der wir aktiv sind und bleiben wollen. Wir müssen uns gemeinsam darüber im Klaren sein, welche Grenzen das Projekt hat, diese klar benennen, um Alternativen zu entwickeln und klare Forderungen artikulieren zu können. Chancen, Widersprüchlichkeiten und Herausforderungen sind im besten Fall Lernanlässe im Hinblick auf künftige Formen der Zusammenarbeit von Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft, auf dem Weg hin zu gegenseitigem Vertrauen und Formen der Koproduktion. Dafür müssen wir unsere Netzwerke und Kräfte weiter bündeln, gemeinsame Interessen zu Forderungen umwandeln und Veränderungen anstiften. Noch ist unklar, wo der Weg hinführt, doch schon jetzt merken wir, wie sich nicht nur die Wissenschaft für diese Stadt und ihre aktuellen Entwicklungen interessiert, sondern auch viele interessierte Augen auf die Stadt schauen. Wir hoffen, dass neue Kooperationen, Netzwerke und Verbindungen entstehen, Wissenstransfer zwischen Chemnitzer Aktiven und Externen zunimmt, Impulse in beide Richtungen wandern. 

Hier können wir nur einen kompakten Einblick in das Erleben und Wirken geben, aber möchten euch einladen, selbst vorbeizukommen, mit uns und anderen Aktiven in Chemnitz Kontakt aufzunehmen, Wissen zu teilen und uns gegenseitig zu empowern! Vielleicht zum Recht auf Stadt Forum 2025 in Chemnitz.